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Montag, 19. August 2019

... and that's the end of it

Und dann merkst du, dass du in den vergangenen Jahren nichts, aber auch gar nichts dazu gelernt hast. Du bist immer noch derjenige, der den Leuten hinterherrennt, ihnen helfen will, sie unterstützen will und dann merkt, dass er doch nichts anderes ist, als der Pausenclown.
Das war immer so - heißt aber nicht, dass es gut war! Nein! Es war belastend, kostete Zeit, Nerven und meistens auch Geld. Ich habe jahrelang versucht, Freundschaften am Leben zu erhalten, die schon lange klinisch tot waren. Und die es teilweise, rückwirkend betrachtet, auch absolut nicht wert waren.
Man konnte mich immer und zu jeder Zeit anrufen. Um sich auszuheulen, wenn es mit dem Freund nicht lief, wenn man Probleme mit den Eltern/Großeltern hatte und selbst als der Bruder einer Freundin suizidal war und sie sich Sorgen machte, war ich zwei Stunden mit ihr am Telefon. Ich habe über viele Ecken Bücher organisiert, die es in Deutschland gar nicht gibt, Akkus für antiquierte Telefone, komplette Computer und Kameras samt Ausrüstung besorgt und erklärt. Immer und immer wieder.
Und ich habe nichts dazu gelernt. Denn im Endeffekt sind von allen, um die wir uns gekümmert und gesorgt haben, denen wir offene Ohren und Schultern zum Ausheulen geliehen haben KEIN EINZIGER MEHR ÜBRIG. Im Streit oder wortlos - die Kontakte brachen einfach ab.
Ja, klar. Manchmal kommt einfach das Leben oder die Entfernung dazwischen. Mal sind es die Kinder, die ihrer Mutter alles abverlangen und die gehen selbstverständlich vor. Aber andere stellen Lebensgefährten so in den Mittelpunkt des Lebens, dass sonst kein Platz mehr ist. Da fährt man 500km für ein paar gemeinsame Stunden und sie schmeißt einen über Mittag raus, um mit dem Liebsten (den sie wohlgemerkt die restlichen 364 Tage des Jahres auch um sich hat) eine Nummer schieben zu können! Die andere fühlt sich auf den Schlips getreten und die christliche Nächstenliebe reicht nicht aus, um zu vergeben und verzeihen und für eine zweite Chance sowieso gar nicht.

Ja, und dann gibt es noch meine Beziehung zu meiner Familie.
Eltern und Kinder - eigentlich von Natur aus das engste Band überhaupt. Eigentlich.
Bei uns nicht. Und deshalb habe ich vor drei Wochen einen Schluss-Strich unter die Beziehung zu meinen Eltern gezogen. Dieses Mal vermutlich endgültig, denn ich habe seither von ihnen nichts gehört.
Denn anders, als vor ein paar Jahren, als ich es schon einmal versucht hatte, kam bislang keine Nachfrage nach dem Wieso und auch kein Angebot auf ein Gespräch. Sie haben es dieses Mal wohl hingenommen. Das wäre die positive Auslegung. Sie haben mich ziehen lassen, in mein eigenes Leben freigegeben.
Die negative, und, wie ich vermute, richtige Deutung wäre: ich bin ihnen so egal, dass sie es einfach hinnehmen. Oder, ebenso wahrscheinlich: sie sind durch meine Mail an sie so gekränkt, dass sie erstmal eine Weile beim gemeinschaftlichen Mimimi ihre Wunden lecken und sich gegenseitig vorjammern, dass sie doch mein ganzes Leben nur mein Bestes und nichts als mein Bestes gewollt haben.
Vielleicht stimmt das sogar. Sie haben mir materiell immer alles ermöglicht. Ich konnte studieren, hatte mein Auto, Bücher nach Herzenslust, das größte Zimmer im Haus – ja, das stimmt alles. Aber es gab auch die andere Seite. Die Selbstverletzung ab dem 9. Lebensjahr. Ab 13 in Stress- und Angstsituationen häufiger und intensiver. Die soziale Phobie, die Angst, vor Menschen zu sprechen. Heute behaupten sie, das sei alles gelogen. Ich hätte nie etwas gesagt, sie hätten nie etwas bemerkt.
DAS IST GELOGEN!!!
Ich lief ständig mit Pflastern auf Händen und Armen durch die Gegend, selbst Kollegen fiel es auf. Einer bot mir an, mir eine Klinikpackung Heftpflaster von seiner Zivildienst-Stelle mitzubringen! Ich war einmal in der Notaufnahme zum Nähen, hatte einen Glassplitter in der Hand und einmal hatte ich der Mutter sogar gesagt: „Da habe ich mich gekratzt, weil ich so angespannt und nervös war.“ Ihr Kommentar: „Du spinnst wohl“, lud natürlich nicht dazu ein, das Thema zu vertiefen.
Und auch sonst haben die Eltern eine andere Erinnerung an die gemeinsame Zeit, als ich. Natürlich, wir hatten auch tolle Zeiten. Und natürlich erinnere ich mich daran! Aber es sind auch unfassbar üble und zum Teil grausame Sachen vorgefallen, und offensichtlich können und wollen sie sich daran nicht erinnern!

Dazu kommen noch ganz aktuelle Dinge, die zeigen, dass die Eltern und ich uns sehr weit voneinander entfernt haben. Meine Mutter hat angefangen, sich irgendwie als moralische Instanz zu betrachten. Sie stellt die Regeln auf, was "normal" und was "seltsam" ist und damit komme ich einfach nicht mehr klar. Naja, vielleicht, weil ich in ihren Augen "seltsam" bin. Früher hat sie mit meinem Bruder und mir zusammen Hörspielkassetten gehört. Damals hätte sie drüber gelacht, dass ich mit meinem PC spreche. Heute findet sie es seltsam, denn "du weißt schon, dass die Leute dich nicht hören können?"
Also ernsthaft, wer noch nie seinen PC angeschrien hat, der werfe die erste Maus. Und wieso sollte es seltsamer sein, auf eine These, die der Moderator eines Podcasts aufstellt zu antworten, als über etwas zu lachen? Ich rede immer viel und gerne mit meinem Computer und kommentiere beispielsweise die Sitzungen des Englischen Unterhauses und die Podcasts von Torben Steno und Jarl Cordua bei radio24syv.dk ausführlich (auf englisch und auf dänisch). Noch dazu gebe ich allen meinen Elektrogeräten Namen und unser Auto hat auch einen auch. Okay, liest sich jetzt vielleicht seltsam - vielleicht bin ich das auch.
Aber ehrlich - es ist mir egal. Denn, es ist MEIN LEBEN. Und ich bin jetzt, mit 42 Jahren an einem Punkt, an dem es mir egal sein muss, was meine Eltern von mir halten, ich muss ihre Erwartungen nicht mehr erfüllen, ich bin aus der Eltern-Kind-Beziehung rausgewachsen. Und ich warte einfach nicht mehr. Nicht mehr auf eine Mail, nicht mehr auf einen Brief - und vor allem habe ich aufgehört, auf ein Lob oder Anerkennung zu warten, weil ich weiß, dass ein "aha" das Äußerste ist, wozu meine Mutter imstande ist. Und "aha" passt zu allem: meinem Job, meinen neu erworbenen  Fremdsprachkenntnissen und der Tatsache, dass ich beim Marathon vom Roten Kreuz eingesammelt werden musste, zu meiner Schilddrüse, dem Tod meiner besten Freundin und unserem neuen Wohnzimmerfenster. Ein sehr universelles "aha" also.

Aber ich habe auch nicht mehr viel zu ihnen zu sagen. 75 Prozent ihrer Probleme sind selbst verschuldet und sie haben mich nie um Rat gefragt, nicht einmal bei Dingen, bei denen ich mich erwiesenermaßen auskenne, wie zum Beispiel Omas Schilddrüsen-Unterfunktion. Ich hab ihnen nichts dazu zu sagen, dass sie nicht wissen, wo sie die Ernte aus ihrem Garten unterbringen sollen (einfach mal weniger anpflanzen?) und es interessiert mich genauso wenig, was bei ihnen so wächst, wie es sie interessiert, was ich so den ganzen Tag mache.

Tatsächlich haben wir außer meiner Oma keinen einzigen Berührungspunkt mehr. Meine Eltern hatten 18 Jahre lang kein Bedürfnis, mich zu besuchen - inzwischen habe ich kein Interesse mehr daran, sie zu sehen. Wieso auch? Ich hab nicht mal ein Foto von ihnen, weil meine Mutter sich weigerte, sich von mir fotografieren zu lassen. Oh well, so be it.
Es gibt noch vieles, was man ihnen vorwerfen könnte. Ihre Raucherei, selbst am Esstisch, wenn noch nicht alle aufgegessen haben (für mich als Asthmatiker super); ihre Katze (für mich als Katzenhaar-Allergiker toll) und die Ankündigung meiner Mutter, ich müsse bei meinem nächsten Besuch mein Zimmer leerräumen und ihre standhafte Weigerung, den Krempel einfach dem Müll zuzuführen.

Ja, ich habe mich verändert, vermutlich in eine Richtung, die ihnen nicht zusagt. Aber sie haben nicht einmal bemerkt, wie sehr sie sich von mir entfernt haben. Menschlich und auch ideologisch. Es macht mich unfassbar traurig, das so sagen zu müssen, aber sie haben für mich jeglichen Sinn für Anstand, Takt und Benimm verloren. Sie behandeln nach 17 Jahren Ehe meinen Mann immer noch unhöflicher als jeden Fremden. Meine Mutter hatte immer ein viel feineres Gespür für die Sorgen und Nöte ihrer Nachhilfeschüler*innen als für die von mir oder meinem Bruder.
"Da musst du durch", "stell dich nicht so an" oder "du brauchst davor doch keine Angst zu haben" - das sind die Sätze, mit denen ich aufgewachsen bin. Und die Zeiten sind vorbei. Ich muss durch nichts mehr durch, ich darf auch mal Angst haben und Schwäche zeigen. Und da sie das anders sehen, bin ich schon lange kein Teil ihrer Welt mehr - und sie gehören auch nicht mehr zu meiner. And that's the end of it.